Bleiben Sie neugierig und gwundrig!

Kurz vor den Sommerferien durfte ich den neuen Kauffrauen und Kaufmänner der bwd zum Lehrabschluss gratulieren. Ein angenehmer Wind kühlte das Stade de Suisse an diesem Vorabend und es war eine Freude, zu so vielen erfolgreichen junge Berufsleuten zu sprechen. (Bild: Daniel Zihlmann)

Liebe Neu-diplomierte Kauffrauen und Kaufmänner

Liebe Lehrpersonen, liebe Ausbildende

Liebe Eltern, liebe Gäste

Heute ist ein schöner Tag. Für Sie und für mich.

  • Für Sie, die Kauffrauen und Kaufmänner: weil Sie jetzt Ihre Lehre abgeschlossen haben und Sie damit den ersten Meilenstein in Ihrem Berufsleben erreicht haben.
  • Für Sie, die Lehrpersonen und Ausbildnerinnen: weil Sie Ihre Schützlinge erfolgreich durch die Lehrzeit begleitet haben und sie heute auf einen neuen Weg schicken.
  • Für Sie, die Eltern: weil auch Sie einen ersten Meilenstein im Berufsleben mit Ihren Töchtern und Söhnen erreicht haben, Sie haben ihnen eine wertvolle Ausbildung ermöglicht und sind ihnen mit Rat und Tat zur Seite gestanden.
  • Für mich: weil ich in diesem besonderen Moment vor Ihnen stehe und ein paar Worte sagen darf.

Neugierig sein. Wie hat es sich angefühlt, als Sie heute Nachmittag ins Stade de Suisse gekommen sind? Vertraut, weil Sie regelmässig YB-Matches besuchen? Normal, weil Sie ab und zu hier einkaufen? Etwas unsicher, weil Sie nicht genau wussten, welchen Eingang es zu nehmen gilt? Freudig und erleichtert, weil Sie Ihre Lehre erfolgreich abgeschlossen haben? Neugierig, was heute denn alles noch so passieren wird? Neugierig auf das, was jetzt auf Sie wartet?

Neugier macht das Leben spannend. Etwas Neues erfahren wollen, etwas ausprobieren und erleben, etwas machen, das man noch nie gemacht hat – einfach weil es einen wunder nimmt, wie es sich anfühlt: Mal River Rafting machen? Mal an ein Schwingfest? Mal einen 4000er besteigen?

Neugier belebt. Neugier kann einen chutzelen, sie macht atemlos und ungeduldig. Manchmal macht sie aber auch Angst, lässt einen zögern und zurückweichen. Der Sprung vom 10-Meter-Brett in der Badi – vielleicht doch lieber nicht, auch wenn Sie wissen möchten, wie sich der Fall anfühlt? Und der erste Joint? Jetzt rauchen oder doch lieber noch etwas warten?

Neugier führt einen auch im Beruf an Orte, von denen man nicht einmal träumen kann. Ich hätte nach meinem Lehrabschluss als Arztgehilfin nie gedacht, dass ich mal knapp 30 Jahre später als erste Frau ins Amt des Gemeindepräsidiums von Köniz gewählt würde. Es war nötig, auf diesem Weg neugierig zu bleiben. Immer wieder musste ich mich auf Neues einlassen. Grosse Veränderungen sind das Resultat von vielen kleinen Schritten. Kleine Schritte, bei denen man oft nicht weiss, wo genau man den Fuss absetzt. Als ich im Herbst 2017 als Gemeindepräsidentin gewählt wurde, konnte ich nicht wissen, was da alles in diesem Amt auf mich zukommt. Dass es so schöne Erlebnisse - wie heute mit Ihnen den Abschluss Ihrer Ausbildung zu feiern gibt – das habe ich nicht gewusst.

Neugierig sein ist eine wichtige Voraussetzung im Leben. Forscher haben herausgefunden, dass neugierige Menschen das Leben eher als Abenteuer anschauen als Belastung. Neugierige Menschen fühlen sich – im positiven Sinn – herausgefordert und nicht überfordert. Und es ist sogar ein lustvoller Vorgang: Wenn wir nämlich etwas Bestimmtes ganz genau wissen wollen, werden im Hirn die gleichen Areale aktiv, die auch reagieren, wenn wir uns auf ein Stück Schokolade freuen. Wir haben im Hirn also eine Art «Belohnungszentrum», das sich an Erfolge erinnert. Und wenn wir etwas zum ersten Mal vollkommen begriffen haben, schüttet das Hirn sogar Opiate aus – das fühlt sich dann an wie ein kleines High. Und danach kann man durchaus süchtig werden.

Doch zum Glück hat Neugier hat auch verschiedene Seiten. Sehr schön sieht man das auch sprachlich. Da reden wir einerseits von «neugierig sein», andererseits ist der korrekte Ausdruck auf berndeutsch wohl «gwundrig sein».

«Neugierig sein» –beinhaltet also die Worte Neu und Gier. Da drin steckt viel Aktives: machen, vorwärtsstreben, mit viel Elan, gierig und vielleicht mal etwas unvernünftig Neues entdecken. Das sind diejenigen unter Ihnen, die mit viel Energie und Selbstvertrauen unterwegs sind, vielleicht auch die etwas Wagemutigen.

Es gibt aber auch eine ruhigere Seite von Neugier. Das berndeutsche «gwundrig sein» beschreibt das schön. Gwundrig sein – das bedeutet auch «sich wundern». Wer sich wundert über etwas, der schaut ganz genau hin, beobachtet, hinterfragt noch einmal. Wer sich Zeit nimmt, das eigene Leben zu reflektieren, sich immer wieder zu fragen, was man im eigenen Leben  und mit dem eigenen Leben machen will – der ist auch neugierig. Doch das passiert im Stillen. Sich wundern, sich selber hinterfragen, das ist dann keine Mutprobe, das gibt dann keinen Insta-Post mit vielen Likes.

Ich möchte Sie ermutigen – seien Sie NEUGIERIG, suchen Sie das Neue und seien Sie aber auch GWUNDRIG, wundern Sie sich!

Ich gratuliere Ihnen allen ganz herzlich zum Lehrabschluss. Feiern Sie Ihr Diplom, stossen Sie darauf an – und geniessen Sie diesen Tag.

Und bleiben Sie neugierig, bleiben Sie gwundrig. Es wartet viel Schönes auf Sie.

Dazu wünsche ich Ihnen, liebe Kauffrauen und Kaufmänner, viel Erfolg!

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