Neugierig

Die Schneeglöggli, die mutig und fast ein bisschen trotzig ihre Köpfe durch die letzte Schneedecke streckten, haben Gesellschaft bekommen: Bei uns im Garten blühen jetzt auch die Primeln und die Buschwindröschen. Auf Berndeutsch «Geisseblümli» - dieser Name gefällt mir persönlich viel besser.

Es scheint ihm also auch in diesem Jahr wieder ernst zu sein – dem Frühling. Nicht dass ich ernsthaft daran gezweifelt hätte, doch in den dunklen Winterabenden Anfang März frage ich mich jeweils, ob das denn nie ein Ende nehme. Nun ist die Neugier wieder geweckt: auf wärmende Sonnenstrahlen, auf frühmorgendliches Vogelgezwitscher, auf Frühling eben.

Frühling braucht Platz. So geriet mir beim Aufräumen und Ausmisten in meinem Büro ein Heft von der Berner Fachhochschule für Soziale Arbeit in die Hände. Darin enthalten ist die Rede von Johannes Schleicher, die er zu seinem Abschied als Leiter des Departements und anlässlich der Diplomfeier der Absolventinnen und Absolventen der Fachhochschule hielt. Darin geht es ebenfalls um die Neugierde. Respektive zuerst geht es um den Verlust der Neugierde, wenn wir glauben, angekommen zu sein. «Wer in der Blase sitzt, dem ist jede Ahnung fremd, dass alles auch anders sein könnte. Er freut sich an seinen eigenen Spiegelbildern, zurückgeworfen von den konkaven Innenwänden.» Bis dieses «Gebäude aus Glaubenssätzen zu eng werde» und die Neugierde wiedererwache. Schleicher betont, dass es nicht nur die grossen Lebensereignisse sind, sondern durchaus auch scheinbar kleine Erlebnisse der Auslöser sein können für Zweifel oder Fragen, denen wir nachgehen und die uns dann neue Welten und Werte erschliessen.

Greta Thunbergs wöchentliche Demonstration für den Klimaschutz mag für viele Jugendliche ein solcher Auslöser gewesen sein. Greta schaffte es, dass die Jugendlichen ihre «Blase» verliessen, sie löste Fragen aus und weckte Zweifel an der Welt der Erwachsenen. Erst die jungen Menschen holten wiederum uns aus unserer Passivität, führten uns vor, dass nun gehandelt werden muss. Oder wie Johannes Schleicher sagte: «Neugier ist das Mittel gegen die Angst, verändert zu werden. Sie schützt uns vor Voreingenommenheit, Ich-Bezogenheit und Selbstgerechtigkeit. Sie macht uns zuweilen demütig und lässt den Habitus des Empörten nicht einrasten und verhärten. Sie bewahrt uns vor dem Verharren in der Pose des Opfers.»

Die sehr lesenswerte Rede von Johannes Schleicher finden Sie hier.

Teilen: